Herzliche Einladung zum 2. pax_studierenden_forum nach Leipzig!

Anmeldungsformular: https://goo.gl/forms/eBwH4gfQFx2kfkBk1

Studiforum_Leipzig

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Auftaktveranstaltung vom 16. bis zum 17. November 2017 in Berlin

Herzliche Einladung zur ersten offiziellen Veranstaltung des pax_studierenden_forums!

Wir treffen uns zum gegenseitigen Kennenlernen und Austausch in Berlin: Meldet euch an und ladet Interessierte ein!

Lerne pax christi und die verschiedenen Arbeitsbereiche kennen, besuche einen Workshop zu Gewaltfreier Kommunikation und werde selbst aktiv! 

Donnerstag
19:00 Abendessen
20:00 Vorstellung der Teilnehmenden
20:30 Vorstellung von pax christi und vom pax_studierenden_forum

Freitag
09:00 Vorstellung der Kommissionen/Arbeitsbereiche
11:30 Vortrag: Gewaltfreie Kommunikation
13:00 Mittagessen
14:00 Workshop: Gewaltfreie Kommunikation (Gewaltfrei Handeln)
17:30 Zukunftswerkstatt
19:00 Abendessen
20:00 gemütlicher Abend/Ausklang
Bernhard-Lichtenberg-Haus (KathedralForum) . Hedwigskirchgasse 3 . 10117 Berlin

Anmeldung bis zum 13.11.2017

über sekretariat@paxchristi.deoder docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSfel0bd7Sxh7eKKYK1P1bGerIyOhfQRQEtp5HCHnD8vTRqz_Q/viewform?usp=sf_link

Hier der Link zum Ausschreibungsplakat

(Un)sichtbarer Protest auf einer „Mauer“

Graffiti im israelisch-palästinensischen Konflikt

von Michael Nann

Die Sichtbarkeit im Blick
In Konfliktsituationen gibt es Sichtbares und Unsichtbares. Dieser Beitrag verfolgt das Ziel von Sichtbarkeit(en) in verschiedener Hinsicht. Zum einen werden sichtbare Graffiti betrachtet und unsichtbare Protestnarrative durch Bildinterpretationen sichtbar gemacht. Zum anderen soll die Sichtbarkeit der Bildinterpretation in der Friedens- und Konfliktforschung erhöht werden, denn die Beschäftigung mit Bildern in der qualitativen-rekonstruktiven Sozialforschung ist insbesondere im Vergleich zu Methoden der Auswertung von sprachlichem Material und Beobachtungsdaten noch verhältnismäßig jung. Erst seit etwa Mitte der 1980er Jahren lassen sich Arbeiten im sozialwissenschaftlichen Kontext dazu feststellen. Bis zu diesem Zeitpunkt tat man sich schwer damit, die Macht und politische Relevanz des Bildlichen genau zu beschreiben, zu analysieren und einzuschätzen[1].

Dieser Text zoomt im doppeldeutigen Sinne sehr nah heran. Innerhalb des israelisch-palästinensischen Konflikts fokussiert es auf Graffiti auf der Sperranlage zwischen dem Staat Israel und den palästinensischen Gebieten. Es wird somit nur ein kleiner Ausschnitt der Konflikt­situationen in den Mittelpunkt gerückt. Gleichzeitig werden Fotografien von Graffiti betrachtet und interpretiert. Zur Erstellung dieses Datenmaterials wurde mit dem Objektiv einer Kamera an die Sperranlage herangezoomt.

Fragestellung
Dieser Beitrag fasst den methodischen Zugang sowie die Ergebnisse einer M.A.-Abschlussarbeit an der Universität Augsburg, welche zwischen November 2015 und März 2016 verfasst wurde, knapp zusammen. Die Arbeit geht folgender Fragestellung nach: Welche Narrative des Protests im Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts kommunizieren Graffiti und andere Elemente der Mauernutzung auf der Sperranlage zwischen dem Staat Israel und den palästinensischen Gebieten?

Forschungsdesign
Zur Beantwortung dieser forschungsleitenden Frage werden Graffiti im Raum Bethlehem in den palästinensischen Gebieten als Fallbeispiel herangezogen. Das dafür entwickelte Forschungsdesign setzt sich aus einer Datenerhebung vor Ort im Rahmen eines Forschungsaufenthalts, einem Samplingprozess und eine Auswertung des erhobenen Materials durch Bildinterpretation(en) (konkret durch die bildinterpretative Segmentanalyse nach Roswitha Breckner[2]) zusammen. Leider kann aus Platzgründen auf das methodische Vorgehen an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.

Wo und was ist nun das Unsichtbare?
Die Ergebnisse der vier durchgeführten Bildinterpretationen werden kurz beschrieben und dabei der Versuch unternommen werden, das Unsichtbare in den Graffiti zu identifizieren. Die Sperranlage dient als offene Leinwand für Menschen, welche Israel und die palästinensischen Gebiete besuchen oder dort leben. Inhaltlich werden dabei beispielsweise Verweise auf die Sperranlage oder den israelisch-palästinensischen Konflikts sowie Solidaritätsbekundungen mit der palästinensischen Seite verhandelt. Die collagenartige und übereinanderliegende Anordnung von Graffiti ist per se nichts ungewöhnliches. Durch die „Mauer“ als politisches Trägermedium zeichnet sich an diesem Ort die Logik von Graffiti in einem sehr spezifischen Kontext wieder. Es findet eine Art Verdrängungskampf um Aufmerksamkeit und die „beste“ Platzierung auf den Betonelementen der Sperranlage statt. Dabei befinden sich die Bilder und der Untergrund – sprich die „Mauer“ – in einem selbstreferentiellen Verhältnis. Neben der Präsenz der Graffiti ist der Ort das Irritierende an den Bildern. Denn in diesem Fall entfalten Graffiti ihre spezifische Protestwirkung nur im Kontext des Ortes. Welche Protestnarrative legt die Bild(er)analyse nun offen?

Humor und ein gewisser Hang zur Ironie veranschaulicht die Abbildung 1, in welcher der Schriftbild „Make Hummus Not Walls“ als Textelement dominiert. Der Slogan ist ein popkultureller Verweis auf den Ausspruch „Make Love Not War“ und damit möglicherweise auch auf Schlagworte wie Pazifismus oder Antimilitarismus[3]. Dabei schlägt der abgewandelte Imperativ – in gewisser Weise – einen humoristischen Umgang mit der Sperranlage vor. Weiterhin repräsentiert das Graffiti die Farben weiß, schwarz, grün und rot als die palästinensischen Nationalfarben und stellt gleichzeitig Hummus als verbindendes Element zwischen einer israelischen und einer palästinensischen „kulinarischen Identifizierung“ dar. Man könnte sagen, das „Palästinensische“ (was dies genau umfasst, bleibt offen) protestiert durch das Graffiti – auf humorvolle Art und Weise – gegen die Sperranlage.

Abbildung 1 Fotografie Nummer 1 (Sept. 2015)Abbildung 1

Der Ort des Graffiti, das sogenannte „Palästinensertuch“ und die Person Leila Khaled[4] verweisen in Abbildung 2 auf einen palästinensischen Kontext. Die freundlichen Gesichtszüge der Frau zeigen dabei eine gewisse Ambivalenz auf. Auf eine ironische Art und Weise lässt sich politische Gewalt und Sympathie für eine Person verbinden. Insgesamt lässt sich das Graffiti insbesondere ikonografisch als Abbildung von „Leila Khaled“ sowie als Symbol für den palästinensischen – auch bewaffneten – Widerstand verstehen. Inwiefern auch eine Bewertung dieses Widerstand durch das Graffiti sichtbar wird, bleibt zunächst offen. Durch die Prominenz und die Erinnerung an „Leila Khaled“ wird in Kombination mit der Sperranlage durchaus ein politisches Statement formuliert bzw. man kann dies als solches verstehen. Unterstützt wird dieser Blickwinkel auch durch den Schriftzug „Dont forget the struggle“, denn das englische Wort „struggle“ kann man in diesem Kontext wohl mit „Kampf“ übersetzen.

Abbildung 2 Fotografie Nummer 2 (Sept. 2015)Abbildung 2

Des Weiteren kommt Protest auch in ambivalenter Gestalt in Abbildung 3 zum Tragen. Es zeigt sich, dass diese Bildkomposition eine „Riss“ sowie eine imaginäre Spiegelachse – durch die spiegelbildliche Darstellung der Figurenkonstellation – auf einen Dualismus von Trennung und Verbindung hindeuten. Nationale Bezüge wie der Hinweis auf den Holocaust bzw. die Shoa (indexikalisch durch den Teddy) und das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge (indexikalisch verstanden durch den Schlüssel in der Hand) versinnbildlichen idealtypisch die Gegenüberstellung von „Israeli und Palästinenser“ in dem Graffiti. Der Ort des Bildes rückt diesen Dualismus in den Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts. Beide Seiten tragen – auch im wörtlichen Sinne – belastende Erinnerungen und Mahnungen in ihren Händen. Die Personen deuten mit ihren Fingern auf das „Trennende“. Dieses wird symbolisiert durch den entstandenen und sich möglicherweise noch ausbreitenden „Riss“ im Raum zwischen den Figuren. Die freundliche und positive Grundstimmung in der Abbildung durch eine entsprechende Farbwahl könnte allerdings auf das „positive Ereignis“ eines durchgehenden echten Riss in der „Mauer“ verweisen.

Abbildung 3 Fotografie Nummer 3 (Sept. 2015)Abbildung 3

Protest richtet sich auch gegen konkrete Handlungen. Die Abbildung 4 macht deutlich wie das Bild eines Christbaums auf das Weihnachtsfest und die Stadt Bethlehem als christlichen Ort verweist. Das Graffiti thematisiert möglicherweise das Fällen von Olivenbäumen im Zuge der Bauarbeiten der Sperranlage. Im Rückgriff auf die forschungsleitende Fragestellung lässt sich die Abbildung als Ausdruck von Protest gegen die Landenteignung von „palästinensischem“ Land und den Bau der Sperranlage verstehen. Eine ironische Aussage kommt dadurch zustande, dass der letzte Baum – der Weihnachtsbaum – in dem Bild durch die „Mauer“ vor einer Zerstörung geschützt wird. Interessanterweise sind im Inneren des Mauerrings Geschenkverpackungen und keine Menschen abgebildet. Somit bleibt die Frage offen, wer oder was durch die Mauer geschützt wird. Möglicherweise bleibt von Weihnachten und Bethlehem dann die Idee und der Glauben erhalten und geschützt, allerdings wird er vor Ort durch eine „Mauer“ von der Außenwelt abgeschnitten.

Abbildung 4 Fotografie Nummer 4 (Sept. 2015)Abbildung 4

Die Dimensionen des israelisch-palästinensischen Konflikts prägen auch die Inhalte der Bilder auf der Sperranlage. Bezüge zu nationalen Identitäten finden sich – im wörtlichen Sinne – neben ironischen Blickwinkeln auf das Verhältnis der Konfliktparteien. Auf diese Weise wird die Ausdrucksform des Graffito „einer der glaubwürdigsten Geschichtenerzähler des israelisch-palästinensischen Konflikts“[5]. Graffiti bieten eine Möglichkeit sich den Emotionen der Menschen als Ausdruck ihrer Lebenswirklichkeit in dem Konfliktkontext anzunähern und diese zu rekonstruieren.

[1]Przyborski, Aglaja, und Monika Wohlrab-Sahr. 2014. Qualitative Sozialforschung: Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg, Seite 149.

[2]Breckner, Roswitha. 2010. Sozialtheorie des Bildes: zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien. Sozialtheorie. Bielefeld: Transcript.

[3]Der berühmte Ausspruch „Make Love Not War“ geht auf die Protestbewegung in den USA gegen den Vietnamkrieg zurück (Bernhard 2011: 11). Die sprachliche Klammer „Make… Not…“ zeigt sich auch in anderen Kontexten und wird dort adaptiert. Unterstützt wird diese Interpretation durch die phonetische Ähnlichkeit zwischen der Aussprache und den Schriftbildern von „War“ und „Walls“.

[4]Khaled war und ist ein Mitglied der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und in den 1960er und 1970er Jahren im bewaffneten palästinensischen Widerstand aktiv. „Leila Khaled’s public image has been almost entirely dictated by her […] moment in history, the defining hijackings of 1969 and 1970“ (Irving 2012: 3). Insbesondere durch diese beiden Flugzeugentführungen uns ihre Inszenierung als weibliche Terroristin erreichte sie einen gewissen „iconic status“ (Irving 2012: 3).

[5]Heffez, Adam G. 2013. Zwischen Wut und Hoffnung. Das Graffito als der glaubwürdigste Geschichtenerzähler des israelisch-palästinensischen Konflikts. In: Zwischen den Fronten. Grenzen neutraler Berichterstattung, hg. von Erik Bettermann und Roland Grätz, 143–150. Göttingen: Steidl, Seite143.

Michael Nann arbeitet in der Evangelischen Friedensarbeit als Referent für den Friedensbeauftragten des Rates der EKD. Zuvor studierte er Staatswissenschaften sowie Sozialwissenschaftliche Konfliktforschung an den Universitäten Erfurt und Augsburg.

Responsibility to Protect

von Cornelius Sturm

Die Responsibility to Protect (RtoP oder R2P; dt. Schutzverantwortung) ist ein Konzept zur Bekämpfung schwerer und massenhafter Menschenrechtsverletzungen. Ihre Grundidee lautet, dass jeder einzelne Staat Verantwortung für den Schutz seiner Bevölkerungen trägt und die Souveränität eines Staates sich über diese Verantwortung definiert (sovereignty as responsibility). Parallel dazu trägt die internationale Staatengemeinschaft eine eigene Schutzverantwortung. Nach der von den Vereinten Nationen anerkannten Definition bezieht sich diese Verantwortung auf den Schutz vor Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Entwurf der ICISS
Das Konzept der RtoP geht zurück auf die International Commission on Intervention and State Sovereignty (ICISS), eine von der kanadischen Regierung beauftragte Expertengruppe. Der 2001 vorgelegte Abschlussbericht der ICISS, „The Responsibility to Protect“, enthielt ein Schutzverantwortungskonzept, das in drei Verantwortungsbereiche unterteilt war: Prävention (responsibility to prevent), Reaktion (responsibility to react) und Wiederaufbau bzw. Konfliktnachsorge (responsibility to rebuild). Speziell die Ausführungen zu Reaktion und Wiederaufbau konzentrierten sich auf die völkerrechtliche und politische Neuregelung von Militäroperationen.

Obwohl er vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan und zahlreichen UN-Mitgliedstaaten unterstützt wurde, stieß der Entwurf der ICISS vielerorts auf Skepsis. Wichtigster Kritikpunkt war die Fokussierung auf militärische Optionen, die bei manchen Regierungen die Furcht schürte, selbst zum Ziel künftiger Interventionen zu werden. Andere Staaten befürchteten eine Einschränkung der eigenen Entscheidungsfreiheit durch neue internationale Rechtsnormen. Im Zuge der UN-Debatten über die Responsibility to Protect wurde daher die Frage des militärischen Eingreifens von der Schutzverantwortungsidee abgekoppelt, um letztere konsensfähig zu machen.

Anerkennung und Weiterentwicklung in den UN
Auf dem Weltgipfel zum 60jährigen Bestehen der Vereinten Nationen 2005 wurde die Responsibility to Protect offiziell anerkannt. In den Paragraphen 138 und 139 der Abschlusserklärung des Gipfels wird festgehalten, dass alle Mitgliedstaaten eine Verantwortung zum Schutz ihrer Bevölkerungen vor Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit haben und beabsichtigen, dementsprechend zu handeln. Parallel dazu trägt die internationale Gemeinschaft eine eigene Schutzverantwortung. Diese internationale Verantwortung verlangt eine Unterstützung der Einzelstaaten sowie ein rechtzeitiges und entschlossenes Handeln angesichts akuter Gewaltausbrüche. Alle Schutzhandlungen sollen im Rahmen des bis dahin geltenden Völkerrechts erfolgen; auf die Einführung neuer Rechtsregeln wurde bewusst verzichtet.

Unter Ban Ki-moon, Annans Nachfolger als Generalsekretär, erfuhr die Responsibility to Protect eine konzeptionelle Neuausrichtung. Für Ban, der erstmals einen eigenen Sonderberater (Special Adviser) für die RtoP einsetzte, eröffnete die Gipfelerklärung von 2005 realistische Chancen auf eine zunehmende praktische Umsetzung der Schutzverantwortung. Weil die Formulierungen des Weltgipfels von den Ideen der ICISS abwichen, schlugen Ban und sein Sonderberater Edward Luck 2009 ein verändertes RtoP-Konzept vor, das in drei „Säulen“ gegliedert war: Schutzverantwortung des einzelnen Staates, enge Zusammenarbeit der Einzelstaaten mit internationalen Institutionen und schließlich Schutzverantwortung der internationalen Staatengemeinschaft, vertreten durch die UN. Wichtige Aspekte dieser Neukonzeption waren eine strikte Orientierung am geltenden Völkerrecht und ein weitgehender Verzicht auf gewaltsame Mittel.

Der von Ban und Luck vorgelegte Entwurf stieß auf weitreichende, wenn auch nicht ungeteilte Zustimmung. Konzept und praktische Umsetzung der RtoP werden seither in den UN mit Hilfe jährlich stattfindender Konsultationen und Berichte diskutiert, was zu einer inhaltlichen Ausdifferenzierung geführt hat.

Einen zwischenzeitlichen Rückschlag für diesen Prozess bewirkte der Libyenkrieg im Jahr 2011, in dem das Eingreifen internationaler Truppen vom UN-Sicherheitsrat erstmals unter Verweis auf die Schutzverantwortung – in diesem Fall auf die nicht erfüllte Verantwortung der libyschen Regierung – autorisiert wurde. Während einige RtoP-Befürworter das Vorgehen des Sicherheitsrates als Etablierung neuer völkerrechtlicher Standards interpretierten, wurde die Intervention selbst vielfach kritisiert. Anstoß erregte vor allem der Umstand, dass es den intervenierenden Staaten weniger um den Schutz der Zivilbevölkerung als um einen Regimewechsel ging. Nach Ansicht mancher Kritiker wurde die Schutzverantwortungsidee im Fall Libyens bewusst missbraucht, um politische Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen.

Schutzverantwortung, militärische Gewalt und internationale Ordnung: friedensethische Aspekte
Der wohl am häufigsten gegen die Responsibility to Protect erhobene Vorwurf ist der des Interventionismus. Bei genauerem Hinsehen verbergen sich dahinter mehrere Befürchtungen, die jeweils eine differenzierte Betrachtung verdienen. Am prominentesten ist wohl die Behauptung, militärische Interventionen seien das bevorzugte oder zumindest ein wichtiges Mittel zur Ausübung der internationalen Schutzverantwortung. Weil derartige Interventionen meist nur in vergleichsweise schwachen Staaten durchgeführt werden, verschärfe die RtoP zudem politische Ungleichheiten und gebe vor allem westlichen Staaten ein zusätzliches Mittel zur gewaltsamen Durchsetzung ihrer Eigeninteressen an die Hand.

Tatsächlich war die RtoP im Entwurf der ICISS relativ interventionsfreundlich, insofern dort über den völkerrechtlichen status quo hinausgehende Kriterien zur Legitimierung militärischer Eingriffe vorgeschlagen wurden: ein gerechter Grund (just cause), die Genehmigung durch eine zuständige Autorität (right authority), rechte Absichten der Intervenierenden (right intention), die Ergreifung von Gewalt als letztes Mittel (last resort), der Einsatz verhältnismäßiger Mittel (proportional means) und vernünftige Erfolgsaussichten (reasonable prospects). Diese Kriterien entstammen weitgehend der rechtsethischen Denktradition des gerechten oder rechtfertigbaren Krieges (lat. bellum iustum), finden sich aber im geltenden Völkerrecht nicht oder höchstens indirekt wieder. So dürfen militärische Operationen auf dem Territorium fremder Staaten nur zur Selbstverteidigung oder mit Erlaubnis des UN-Sicherheitsrates durchgeführt werden. Die ICISS plädierte demgegenüber für zusätzliche Autorisierungsmöglichkeiten, um Vetodrohungen im Sicherheitsrat umgehen zu können.

Diese Vorschläge stießen allerdings international auf Widerstand und wurden daher nicht in die von den UN anerkannte Fassung der RtoP aufgenommen. In den Berichten Ban Ki-moons zum Thema ist kaum noch von militärischen Interventionen die Rede. Nicht-militärische Optionen und präventives Handeln nehmen in der RtoP-Konzeption der Vereinten Nationen weitaus mehr Raum ein. Am geltenden Recht, speziell an den Befugnissen des Sicherheitsrates, wurde nichts verändert; zudem erhielt die Schutzverantwortung der einzelnen Staaten gegenüber ihrer Bevölkerung größeres Gewicht als im ICISS-Bericht.

Der Verzicht auf neue Interventionsgründe und die Stärkung der Einzelstaaten entkräften auch die Sorge, die RtoP könne von mächtigen Staaten zur Durchsetzung eigener Ziele missbraucht werden und trage somit zu einer verschärften Ungleichheit zwischen schwächeren und stärkeren Staaten bei. Die Betonung der gleichen Schutzverantwortung aller Staaten unterstreicht vielmehr das in der UN-Charta verankerte Prinzip der souveränen Gleichheit. Zugleich wird die Notwendigkeit internationaler Kooperation zur Unterstützung des einzelstaatlichen Handelns hervorgehoben. Insgesamt ist die Stärkung der bestehenden Weltrechtsordnung und speziell der Organisation der Vereinten Nationen ein durchgängiges Anliegen der von den UN akzeptierten RtoP-Konzeption.

Trägt die Responsibility to Protect damit auch zum Weltfrieden bei? Bereits 2008 zeigte sich Papst Benedikt XVI. zuversichtlich, dass die RtoP der Achtung von Menschenwürde und Menschenrechten neuen Auftrieb geben könne. Die Bekämpfung schwerster Menschenrechtsverletzungen stellt zweifellos einen wichtigen Baustein zu einem gerechten Frieden dar. Gleiches gilt für eine verlässliche internationale Rechtsordnung, zu deren unverzichtbaren Elementen das Menschenrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gehört. Dass der Schutz dieses Rechts in der Realität oft nur mithilfe des staatlichen Gewaltmonopols durchgesetzt werden kann, unterstreicht nochmals die Bedeutung der einzelstaatlichen Schutzverantwortung. Zwangsmaßnahmen von außen sind unter friedensethischer Perspektive höchstens subsidiär zulässig, also wenn ein Staat seine Bevölkerung vorsätzlich schädigt. Selbst dann haben allerdings gewaltfreie Maßnahmen unbedingten Vorrang gegenüber gewaltsamen. Von der Theorie her entspricht die RtoP in der Fassung der UN diesen Anforderungen. Im politischen Alltag hat sie sich als eines von vielen Instrumenten zum Menschenrechtsschutz und zur Krisenbewältigung etabliert, dessen praktische Wirkung gleichwohl bislang hinter den Hoffnungen Benedikts XVI. und anderer Befürworter zurückgeblieben ist.

 

Links

http://www.un.org/en/genocideprevention: Gemeinsames Büro der Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs für die Verhütung von Völkermord und für die Responsibility to Protect

http://globalr2p.org: Global Centre for the Responsibility to Protect

http://responsibilitytoprotect.org: International Coalition for the Responsibility to Protect

 

Quellen und weiterführende Literatur

Ban, Ki-moon: Implementing the responsibility to protect. Report of the Secretary-General (A/63/677), 2009.

Bellamy, Alex: Global Politics and the Responsibility to Protect. From Words to Deeds, London; New York 2011.

Benedikt XVI.: Address to the General Assembly of the United Nations, New York 2008 (abrufbar unter http://www.un.org/webcast/pdfs/Pope_speech.pdf).

Knight, W. Andy; Egerton, Frazer (Hg.): The Routledge Handbook of the Responsibility to Protect, London 2014.

The Responsibility to Protect. Report of the International Commission on Intervention and State Sovereignty, Ottawa 2001 (abrufbar unter http://responsibilitytoprotect.org/ICISS%20Report.pdf).

Staack, Michael; Krause, Dan (Hg.): Schutzverantwortung in der Debatte. Die „Responsibility to Protect“ nach dem Libyen-Dissens, Leverkusen 2015.

Thakur, Ramesh; Maley, William (Hg.): Theorising the Responsibility to Protect, New York 2015.

Werkner, Ines-Jacqueline; Rademacher, Dirk (Hg.): Menschen geschützt – gerechten Frieden verloren? Kontroversen um die internationale Schutzverantwortung in der christlichen Friedensethik, Berlin 2013.

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